Der BUND vom 15. 06. 2000
Profitiert Mühleberg?

REAKTORSICHERHEIT / Bei der Beurteilung älterer Reaktoren wenden die Behörden ihre eigenen Sicherheitskriterien nur zum Teil an. Diesen Vorwurf erhebt die Aktion Mühleberg stilllegen (Amüs). Für die Atomaufsicht ist dieser Vorwurf unverständlicher Formalismus.


Autor: SIMON THÖNEN
Wie sicher ist Mühleberg? Gefordert sind die bernischen Stimmberechtigten, wenn sie am 24. September über die Initiative «Bern ohne Atom» abstimmen. Die meisten werden keine Gutachten und Gegengutachten zur Sicherheit dieses Atomkraftwerkes lesen. Für die einen dürfte das Gefühl entscheidend sein, dass diejenigen, die den Reaktor bisher ohne Katastrophe betrieben haben, dies wohl auch in Zukunft können. Andere werden ein Versagen des Reaktors und seiner Mannschaft auch in Mühleberg für möglich halten, nachdem in Harrisburg, Tschernobyl und dem japanischen Tokaimura die Technologie ausser Kontrolle geraten ist. Gefordert sind natürlich auch die Behörden. Sie müssen laut Atomgesetzgebung kontrollieren, ob Mühleberg auf dem Stand von Wissenschaft und Technik ist. Dies ist allerdings in der Praxis nie vollständig möglich, weil das nukleare Wissen rascher wächst, als alte Reaktoren nachgerüstet werden können. Der Bundesrat wählte denn auch die Formulierung, das Kernkraftwerk entspreche «weitgehend dem heutigen Stand der Technik», als er 1998 den Betrieb bis 2012 bewilligte.

Regeln nicht eingehalten
Zu Wort melden können sich natürlich auch Kontrolleure der Kontrolleure. Die Aktion Mühleberg stilllegen (Amüs) hat sich in langjährigen Auseinandersetzungen eine Praxis der technischen Kritik an Mühleberg erworben. Gestern stellte sie eine Analyse vor: gemäss ihrer Ansicht klafft zwischen den Sicherheitsrichtlinien der Behörden und der Sicherheit in der bewilligten Anlage Mühleberg eine Lücke. In der Schweiz setzen die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) im Departement Leuenberger und die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen (KSA) neue nuklear-technische Erkenntnisse in Vorschriften um. Es handelt sich um rund 30 Richtlinien, das so genannte Regelwerk. «Dieser Standard wird in Mühleberg in verschiedenen Bereichen zwischen einem bisschen und massiv unterschritten», kritisiert Jürg Aerni von der Aktion Mühleberg stilllegen. In einer dreissig Seiten umfassenden Dokumentation listet die Amüs die Abweichungen auf.

Unterschiedliche Sichtweisen
Daraus das Beispiel Flugzeug-Absturz: Laut den aktuell gültigen HSK-Richtlinien müsste ein Atomkraftwerk den Absturz eines zwanzig Tonnen schweren Militärflugzeuges ohne Schaden überstehen. In Mühleberg halte jedoch das Reaktorgebäude einem Absturz nicht stand. Die Gefahr sei insbesondere deswegen gross, weil das Becken mit den abgebrannten Brennelementen direkt unter der Reaktorkuppel liege, kritisiert Amüs. Johannis Nöggerath, Leiter der Abteilung betriebliche Sicherheit und Aufsichtsteuerung in der HSK, bestätigt den Sachverhalt insofern, als die Reaktorkuppel zwar Flugzeugtrümmern, aber nicht einem vollen Absturz standhalte. Das sei jedoch auch nicht nötig, «weil wir im internationalen Vergleich in Mühleberg einen sehr guten Schutz gegen Flugzeugabstürze haben». Ein «Absturz mit maximaler Einwirkung» sei im Raum Mühleberg derart unwahrscheinlich, dass auch in anderen Ländern bei vergleichbarer Wahrscheinlichkeit kein voller Schutz verlangt werde. Zudem sei durch weitere Sicherheitsbarrieren im Innern des Reaktors sichergestellt, dass die entweichende Radioaktivität auch dann «keine untolerierbare Grenze überschreitet», wenn die Reaktorkuppel über dem Brennelement-Becken beschädigt sei, sagt Johannis Nöggerath.

Amüs will «Killer-Kriterien»
Kein Verständnis für diese Argumentation hat Jürg Aerni: «Was soll dieses Regelwerk, wenn die einzelnen Richtlinien nicht eingehalten werden?» Da die HSK in absehbarer Zeit ohnehin keine neuen AKW beurteilen müsse, seien verbindliche Regeln für den Betrieb der alten Reaktoren vordringlich. «Klare Killer-Kriterien» sollen festschreiben, wann eine Anlage stillgelegt werden muss, verlangt der Amüs-Mann. Für Johannis Nöggerath ist das «unverständlicher und kleinlicher Formalismus». Er bestätigt zwar, dass «Mühleberg als neue Anlage natürlich nicht bewilligt würde. Heute würden wir nicht einmal mehr Leibstadt in der damaligen Form bewilligen.» Das ändere aber nichts daran, dass dank dem Regelwerk der HSK, das internationalem Stand entspreche, auch die älteren Anlagen in den letzten Jahren mit den Nachrüstungen deutlich sicherer geworden seien. «Killer-Kriterien kommen nicht in Frage, weil wir in westlichen Kernkraftwerken keine derart ernsthaften Sicherheitsmängel erwarten. Falls sie dennoch gefunden werden, kann die Aufsichtsbehörde die Abschaltung der Anlage verlangen.»

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