Kritische Betrachtung von Maduk

Aus Fokus Anti-Atom Info 16, November 2019

Messnetz MADUK » ENSI

Das vom eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI betriebene «Messnetz zur automatischen Dosis-leistungs-Überwachung in der Umgebung der Kernkraft-werke» wird abgekürzt MADUK. Oktober 2019 MB

Das ENSI stellt im Strahlenschutzbericht 2018 folgendes fest: Das Messnetz misst ganzjährig und 24 Stunden pro Tag die Dosisleistung in der Umgebung der Kernkraftwerke. Die 10-Minuten-, Stunden- und Tagesmittelwerte der Messungen sind auf der Internetseite des ENSI in Echtzeit abrufbar. Für die Behörden und gegenüber der Öffentlichkeit dient dieses Messnetz der Beweissicherung. Im Berichtsjahr wurden keine erhöhten Ortsdosisleistungswerte, die auf Abgaben der Kernkraftwerke zurückzuführen wären, festgestellt. Einzelne lokal erhöhte Messwerte sind auf Schwankungen

Bild: MADUK Messstation: Im Hintergrund AKW Leibstadt

der natürlichen (Untergrund-)Strahlung, zum Beispiel nach Regenfällen, zurückzuführen.

Das ENSI wurde gefragt, was denn mit MADUK “bewiesen” werde? Das ENSI präzisierte:

«Mit dem MADUK-System wird die Ortsdosisleistung in der Umgebung der Kernkraftwerke im Zehnminutenrhythmus ermittelt. Es dient somit in erster Linie der Immissions­überwachung und stellt sicher, dass erhöhte Ortsdosis­leistungen über dem natürlichen Hintergrund, die zu einer relevanten Dosis (quellenbezogener Dosisrichtwert, Dosis­grenzwert für die Bevölkerung) führen können, erkannt werden. Über die bisherige Betriebsdauer des MADUK-Systems konnten keine erhöhten Ortsdosisleistungen über dem natürlichen Hintergrund festgestellt werden, die im Zusammenhang mit radioaktiven Emissionen der Kernkraftwerke standen.»

Aus diesen Aussagen ist man versucht zu schliessen, das Messnetz erkenne die radioaktiven Emissionen der Atomkraftwerke. Das trifft aber, wie nachfolgend begründet wird, nicht zu.

Welche Überwachungsnetze gibt und gab es sonst noch? Auf der Website der Nationalen Alarmzentrale und auf Wikipedia findet sich eine Auflistung:

https://www.naz.ch/de/themen/messnetze.html   https://de.wikipedia.org/wiki/nadam 

Ausführliche aktuelle Messwerte und viel Hintergrundinformationen findet sich auf der Website der Europäischen Kommission:

https://remap.jrc.ec.europa.eu

Aufgrund der gehäuften Oberirdischen Atombombentests veröffentlichte die NZZ in den Fünfziger- und Sechzigerjahren regelmässige detaillierte Bulletins zur Luftradioaktivität, damals fand eine rege öffentliche Diskussion zu diesem Thema statt! Leider sind die Bulletins gar nicht und die Diskussionen nur stark verzerrt im Internet auffindbar. Sie könnten aber bei der NZZ gekauft werden.

Wegweisendes Bundesgerichtsurteil

Am 17. September 2017 musste das Bundesgericht beurteilen, ob die Öffentlichkeit das Recht habe, mehr über die luftgetragenen radioaktiven Emissionen der AKW zu erfahren, als bisher im Jahrestakt veröffentlicht wurde. (Jahresberichte ENSI & BAG)

Das KKL vertrat den Standpunkt, das von den Überwachungsbehörden betriebene Netz von MADUK-Sonden könne die Emissionen ausreichend überwachen und dokumentieren. Das BVGer hatte diese Behauptung noch ungeprüft übernommen und in Folge den verlangten Zugang zu Emissionsdaten als „nicht von öffentlichem Interesse“ erachtet.

Das Bundesgericht fand, es sei offensichtlich, dass Emissionsdaten grundsätzlich mehr über die Dynamik und Menge der Abgaben aussagen würden als punktuell erhobene Immissionsdaten. Es entschied, dass ein öffentlicher Anspruch auf Emissions- Daten bestehe, weil MADUK-Daten zu wenig Informationen liefern über die Entsorgung radioaktiver Abfälle via Abluft und Abwasser.

Technische Mängel des MADUK- Netzes

1) eingeschränktes Ansprechvermögen:

In der Tabelle: „Wie gut erkennt eine MadukADUK- Sonde die luftverfrachteten Abgaben von Atomanlagen?“[1] wird das relative Ansprechvermögen der Sonden dargestellt.

In den ENSI- Jahresberichten findet man viele Radionuklide, welche durch die KKW und das PSI via Hochkamin «entsorgt» wurden, es gibt auch Literaturangaben zu den Emissionen während «Fukushima». Gesamthaft 90 solche radioaktiven Gifte wurden untersucht, wie gut sie von den MADUK-Sonden hätten wahrgenommen werden können.

Als Referenz für das Ansprechvermögen der Sonden wurden die Radonzerfallsprodukte Blei 214 und Wismut 214 herangezogen; deren Konzentration ist wetterabhängig.

Der Anstieg bei starkem Regen, bis zu Verdoppelung der Dosisleistung, und das folgende Abklingen wird von den Sonden sehr gut erkannt und in den zeitlichen Verläufen abgebildet. Im Oktober 2013 registrierten MADUK-Sonden bei Leibstadt fünf-fach überhöhte Gammadosisleistung. Das ENSI behauptete, solches komme regelmässig vor und sei natürlich. Der wiederholten Bitte, als Beispiel ein paar natürlich bedingte Erhöhungen in dieser Grössenordnung zu belegen, konnte das Inspektorat trotz ausserordentlichem Geschwurbel NICHT nachkommen…

Ihrem Aufbau gemäss sind die MADUKsonden ausschliesslich empfindlich für Gammastrahlen.

Von den 90 aufgelisteten Radionukliden werden deren zwei (reine Betastrahler) gar nicht wahrgenommen: Tritium und C14, biologisch zentrale Elemente, werden von Atomkraftwerken täglich in grossen Mengen abgegeben und von den Kraftwerken, BAG und ENSI mangelhaft bilanziert!

20 Radionuklide – viele davon Edelgase oder aus Edelgasen hervorgehende, wie z.B. das langlebige Krypton 85 – werden mit einer Effizienz von weniger als 5% registriert.

7 Radionuklide – zwei davon Edelgase oder aus Edelgasen hervorgehende – werden mit einer Effizienz von weniger als 10% registriert. 9 Radionuklide – zwei davon Edelgase oder aus Edelgasen hervorgehende – werden mit einer Effizienz von weniger als 20% registriert.

FAZIT: Mehr als ein Drittel der radioaktiven Abgase und Aerosole werden von MADUK schlecht oder gar nicht gemessen, sogar wenn die Sonde optimal im Abwind steht.

2) eingeschränktes Gesichtsfeld

Kontamination mit Cäsium 137: Der Detektor erhält 85% der           Strahlung vom Boden aus einem Kreis mit dem Radius 10 m. [2]

Nehmen wir an, um 95% der Strahlung von Cäsium 137 erkennen zu können müsste der Kreis einen Radius von 20 Metern um den Detektor haben. Was weiter entfernt ist, wird praktisch nicht mehr wahrgenommen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Zwei von 12 MADUK-Stationen um Mühleberg sind im westlichen Hauptabwind: „Fuchsenried“ und „Meteomast“ Die zwei Stationen sind 750 m voneinander entfernt.

Die blinde horizontale Zone erstreckt sich also über 750 – 40 = 710 m oder anders gesagt 95% des Bereichs zwischen diesen zwei MADUKstationen. Von der Kaminbasis aus gesehen ist ein Winkel von 45° vom MADUK-Netz nicht erfasst.

In vertikaler Richtung: Am Standort Mühleberg überwiegt die sogenannte neutrale Ausbreitungsklasse oder Diffusions-kategorie D mit ca. 40% Anteil. Unter diesen Bedingungen werden die Luftmassen wenig durchmischt und der Abwind des Kamines oft erst nach vielen Kilometern den Boden. Der Kamin hat eine Höhe von 120m über Boden, dazu kommt die sogenannte Kaminüberhöhung (20 bis 100m) durch die mit hoher Geschwindigkeit ausgestossene warme Abluft. Dadurch ergibt sich, dass diese Abgasfahnen oft weit über oder zwischen den MADUKstationen hinwegziehen, ohne gemessen zu werden. Bei Gösgen und Leibstadt kommt erschwerend dazu, dass der Abwind oft mit der warmen Luft aus dem Kühlturm mitgenommen und so verteilt und verdünnt wird.

Als Gleichnis kann man sich folgende Situation vorstellen:

Ein zoologischer Garten (Atomkraftwerk) ist von einem Lattenzaun umgeben. Grössere und kleinere Tiere (radioaktive Stoffe) flüchten aber regelmässig: sie schleichen, tauchen, gehen, fliegen…

Der ENSI-Zaun hat alle fünf Meter eine Latte; alle hundert Meter ein Törlein. Die Betreiber des Zoos und die Behörden machen uns glauben, dass die Tiere das Areal brav durch das Törlein verlassen, dort wo die MADUK-Station steht; und somit exakt registriert werden.

Emissionsdaten:

Emissionsdaten (Emi-Daten) enthalten aktuelle Informationen für die Bevölkerung, welche MADUK nicht liefern kann.  

Leider gelang es dem ENSI, den direkten Zugang zu Emidaten zu sabotieren: die gerichtliche Abklärung des Rechtes auf Echtzeit-Daten wurde hintertrieben. Emissionsdaten werden nun mit «rund fünf Wochen Verzögerung» Online gestellt … und im Ereignisfall müssen die Daten natürlich zuerst “verifiziert” werden!

Die Grafiken des ENSI können kurzfristige hohe Emissionen nicht darstellen. Man kann die Excel- Tabellen aber selbst graphisch auswerten:

https://www.ensi.ch/de/dokumente/document-category/emi-daten

Ein Gleichnis über die Verzögerungsstaktik des ENSI:

Verkehrsinformation: «Soeben erhalten wir eine Mitteilung der Kantonspolizei Bern: Auf der A1 waren am zweiten September um 18 Uhr 30 bei der Raststätte Grauholz Wildschweine auf der Fahrbahn Richtung Bern: Bitte fahren sie vorsichtig!» Das Bundesgericht erkannte, dass Emissionsdaten öffentlich sind. Richtig nützlich wird diese Erkenntnis aber erst, wenn wir rechtzeitig erfahren was aus den Kaminen entweicht…

 Das ENSI veröffentlicht seit einiger Zeit Monatsbilanzen von einigen Leitnukliden, der radioaktive Kohlenstoff C14 wird aber leider unvollständig bilanziert.

https://www.ensi.ch/de/dokumente/document-category/monatlich-bilanzierte-abgaben


[1] http://www.fokusantiatom.ch/wp-content/uploads/2019/10/AnspVermoegenMaduk.pdf

[2] New Techniques for the detection of Nuclear and radioactive Agents, NATO, Springer 2009, p234