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Aktuell: Medienmitteilung vom 30.05.2016

Neue Erdbebengefährdungsannahmen: Papier ist geduldig

Heute hat das ENSI die neusten Resultate der Erdbebenstudien des „Pegasos Refinement Project“ PRP zu den Standorten der Schweizer AKW publiziert. Die Werte sind höher als bisher angenommen. Die Vermutung liegt nahe, dass damit die reale Gefahr der AKW gegenüber früheren Behauptungen grösser ist. – Doch das ganze Prozedere der Erdbebenstudien ist eine Realsatire; denn den AKW-Betreibern werden wieder jahrelange Fristen zum Nachrechnen der Erdbebensicherheit gewährt – griffige Nachrüstungen sind damit nicht gemacht.

Wie schädlich ein Erdbeben für ein Atomkraftwerk ist, hängt von zwei Seiten ab. Erstens der Intensität des Erdbebens, zweitens der Robustheit der Gebäude, Anlagen, Bestandteile des AKW gegen dieses Erdbeben. Die überalterten Schweizer Atomkraftwerke wurden bei Ihrem Bau nicht ausreichend gegen Erdbebengefahren ausgelegt, Nachrüstungen wurden nur spärlich getätigt. Dies gilt vor allem für die ältesten Reaktoren, Beznau und Mühleberg.

Ökonomie vor Schutz der Bevölkerung

Was heute das ENSI darlegt, ist eine Frechheit. Seit 1999 dauern die Erdbebenstudien. Ernsthaft kann man sie nicht einmal wissenschaftlich würdigen. Fokus Anti-Atom wirft dem ENSI vor, dass die Atomwirtschaft zu sehr in die Erdbebenstudien des PRP verwickelt ist. Projektleitungen und aktive Mitarbeit der Swissnuclear (AKW-Betreiber-Organisation) – v.a. in der Person von Dr. Philippe Renault – wurden nie verhindert. So sind die endlosen Verzögerungen massgeblich auf ein Seilziehen zwischen ENSI, Expertenteams und den Atombetreibern zurückzuführen. Auch in der letzten Etappe wurde den Atomkonzernen für eine Stellungnahme zu den ENSI-Verfügungen mehrere Monate Zeit gewährt. Die ökonomisch angeschlagenen Konzerne werden geschont.

Mehrere Notsysteme sind nicht erdbebenfest

2007 wurden durch das ENSI in einer Liste zum AKW Mühleberg 17 nicht erdbebenfeste Sicherheits- und Notkühlsysteme aufgelistet. Bei Beznau zeigte sich praktisch dasselbe Bild. Einige der Systeme wurden zwar modifiziert. Beznau wartet aber immer noch auf den Anschluss eines erdbebenfesten Notstromsystems. In Mühleberg musste für den Betrieb bis zur definitiven Stilllegung 2019 ein „Sicherheits“-Nachweis geliefert werden: Mit Absegnung des ENSI wird kein einziges der neu zu ergänzenden Notkühlsysteme erdbebenfest gebaut werden. Aufgrund der heute publizierten erhöhten Erdbebenwerte sind die Gefahren für eine Kernschmelze wesentlich höher einzustufen.

Einmal mehr: Monatelange Berechnungen und keine Massnahmen

Den Betreibern wird für die Erdbebennachweise (bzw. die Nachweise für die Beherrschung eines Unfalls bei einem massiven Sicherheitserdbeben SSE) einmal mehr sehr lange Zeit gewährt. Mühleberg muss die letzten Papiere Ende 2018 liefern, ein Jahr vor der definitiven Silllegung. Die Logik muss anders sein. Fokus Anti-Atom drängt darauf, dass Beznau I nicht mehr ans Netz gehen darf und Mühleberg und Beznau II stillgelegt werden. Die Organisation evaluiert auch ein rechtliches Vorgehen. Es ist darauf hinzuweisen, dass immer noch ein Gerichtsverfahren zur Stilllegung des AKW Mühleberg sistiert ist, weil bis anhin keine neuen Erkenntnisse vorgelegen haben. Dies hat sich mit den neuen Erdbebenwerten geändert.

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MÜHLEBERG AUF DER TAGESORDNUNG STEHT DIE SOFORTIGE AUSSERBETRIEBNAHME, NICHT EIN SPIEL AUF ZEIT


Fokus Anti-Atom wehrt sich entschieden gegen das Vorgehen der BKW, welche mit einer minimalen Nachrüstung auf Zeit spielt:


Das AKW Mühleberg hat keine Reserven. Schon gar nicht sind die Nachrüstungen von der Laufzeit bis 2019 abhängig, die kommuniziert werden. Es geht nicht um Alterungsprozesse, bei denen man gewisse Margen ausreizen kann, sondern um eine grundsätzlich falsche Bauweise des AKW Mühleberg. Deshalb ist es falsch, zu glauben, es brauche für 5 Jahre weniger Nachrüstungen als für 10 Jahre und mehr.

  • Das AKW Mühleberg ist das einzige AKW der Welt, welches sämtliche Notkühlpumpen im Keller („Ebene -11m“) direkt unter dem ringförmigen Wasserreservoir (Torus, 27 m Durchmesser!) für die Notkühlung aufgestellt hat.
  • Alle AKW des Mühleberg-Typs verfügen über separierte, brand- und überflutungsgeschützte Räume „Corner Rooms“, in welche die Pumpen untergebracht sind. Eine schlechtere Position kann man sich nicht vorstellen. Nur Ökonomische Gründe haben eine andere Platzierung verhindert.
  • Nicht nur ein Leck im Torus, auch etliche weitere Szenarien von Lecks und Rohrbrüchen, sogar ein Leck im Brennelementbecken auf der obersten Etage des AKW Mühleberg können zu einer Überflutung führen.
  • Dass Wassermassen direkt von der obersten in die unterste Etage einer Atomanlage gelangen und diese letzte überfluten können, legt ein weiteres Zeugnis vom katastrophalen Zustand von Mühleberg ab.
  • Die Pumpen sind nicht auf dem Stand der Technik, sie sind nicht gegen Spritzwasser von Sprinkleranlagen etc. geschützt.
  • Das Pumpsystem, welches die Überflutung auf der Ebene -11m verhindern soll, ist viermal zu klein dimensioniert, und die Halterungen taugen nicht gegen Erdbeben. Auch hier hat man jahr(zehnte)elang gespart.

Die ursprünglich vorgesehenen, weit über 100 Millionen Franken teure Nachrüstungen hätten die Baustruktur an die Grenzen belastet und neue, komplizierte Bohrungen erfordert; das mag auch ein Grund sein, weshalb dieses Projekt aufgegeben wurde.

Dass das ENSI diese Zustände geduldet und in den Verfahrensschriften vor dem Bundesgericht sogar mit Nachdruck auf unsere Kritik hin verteidigt hat, spricht Bände. Erst als 2011 bei Berechnungen zu hohe Wahrscheinlichkeitszahlen für eine Kernschmelze mit früher massiver Verseuchung der Umwelt herauskamen, wurde das ENSI aufgeschreckt.

Die in der Realisierung befindlichen Nachrüstungen mit dem prognostizierten Laufzeitende zeigen, dass der BKW und dem Überwacher ENSI die Sicherheit egal ist.


 

logoVerfahren20 Jahre lang bemühte sich die BKW um eine unbefristete Bewilligung für ihr AKW Mühleberg. Am 17. Dezember 2009 wurde sie vom UVEK erteilt. Dank dem neuen Kernenergiegesetz vom März 2003 war es möglich, gegen den Entscheid Beschwerde einzureichen. Diese Chance nutzte der Verein Mühleberg Ver-fahren.