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Jürg Aerni: Der gradlinige Gegenexperte

Mit Gutachten und vor Gericht kämpfte Jürg Aerni dreissig Jahre lang für die Abschaltung des AKW Mühleberg. Er starb am Montag im Alter von 66 Jahren. 

Der Bund, Redaktor Ressort Bern, Simon Thönen, 16.02.2017

Die definitive Abschaltung des Atomkraftwerks Mühleberg wird Jürg Aerni nicht mehr erleben. Er starb am Montag im Inselspital an der schweren Krankheit, an der er seit längerem litt. Dass die BKW 2013 beschlossen hatte, ihr AKW 2019 stillzulegen, war zumindest ein Stück weit auch sein Erfolg, obschon die BKW dies wirtschaftlich begründete.

Gefreut hat ihn der Entscheid allerdings keineswegs. Für Aerni war es im Gegenteil skandalös, dass die BKW das AKW noch bis Ende 2019 ohne die umfassende Sicherheitsnachrüstung betreiben darf, welche die Atomaufsicht Ensi ursprünglich für 2017 angeordnet hatte. Ohnehin ging es dem Wahlberner – er wuchs in Solothurn auf – nie nur um den Reaktor vor der eigenen Haustüre, sondern um die Abschaltung aller AKW.

Aerni, der diplomierte Physiker, befasste sich schon während seines Studiums in Bern mit AKW – nicht nur im Rahmen der Vorlesungen. Er machte sich die Sache schon damals nicht leicht, veranstaltete Podien mit Pro- und Kontra-Referenten, bevor er sich dagegen festlegte. In den bewegten Siebzigerjahren blieb der Kampf gegen AKW für Aerni, der «immer schon eher links unterwegs war», wie er sich gegenüber dem «Beobachter» ausdrückte, ein politisches Thema unter vielen. Das änderte sich, als 1986 der Reaktor im fernen Tschernobyl explodierte – und die Strahlenwolke sich über weite Teile Europas legte. Mit vielen anderen gründete er die Aktion Mühleberg stilllegen. Der Name war Programm: Es ging nicht mehr bloss um die Verhinderung neuer AKW, sondern um die Abschaltung der laufenden – Mühleberg sollte den Anfang machen.

Technisch versierter AKW-Gegner

In der bunten Truppe der oft lauten Aktivisten und Aktivistinnen war Aerni ein ruhiger, oft fast stiller Mitstreiter. Obwohl er einer Lehrerfamilie entstammte, trat Aerni nur ungern vor Publikum auf, musste dabei stets mit seiner Schüchternheit kämpfen, die ihm lästig war. Dafür brachte er etwas mit, das in der Anti-AKW-Bewegung selten war: Er war geradezu fasziniert von Naturwissenschaft und Physik – und nutzte dies, um die AKW-Betreiber und das Ensi auf ihrem eigenen Feld der technischen Expertise herauszufordern.

Im Automationsspezialisten Jürg Joss, der auch in AKW gearbeitet hatte, fand er einen Mitstreiter und Freund. «Wir ergänzten uns ideal», sagt Joss. «Er war ein sehr guter Theoretiker, ich komme aus der Praxis.» Im Internet recherchierten sie, welche Probleme weltweit in AKW auftraten, und glichen dies mit den Schweizer Werken ab, oft nächtelang. Sie erkämpften sich, nicht selten vor Gericht, die Offenlegung von Sicherheitsdokumenten. «Unser Ziel war immer, die technischen Sachen des Ensi an die Öffentlichkeit zu reissen, damit sie nicht hinter verschlossenen Türen machen können, was sie wollen», sagte Aerni 2013 gegenüber Radio SRF.

Ihr grösster Erfolg war, als das Bundesverwaltungsgericht ihnen im März 2012 recht gab und befand, dass Mühleberg zu viele Sicherheitsdefizite aufweise und deshalb 2013 vom Netz müsse. Doch das Bundesgericht kassierte den Entscheid. Aerni, der schon viele Hochs und Tiefs der Anti-AKW-Bewegung miterlebt hatte, kämpfte weiter. Doch ebenso wichtig war ihm stets auch anderes: moderne klassische Musik, Städtereisen oder gutes Essen etwa – und vor allem die Pflege von Freundschaften im kleinen Kreis. (Der Bund)

http://www.derbund.ch/bern/kanton/der-gradlinige-gegenexperte/story/11765882

https://www.woz.ch/1707/juerg-aerni-1951-2017/der-nuechterne-und-kompetente-prophet


 

MÜHLEBERG SoFORTIGE AUSSERBETRIEBNAHME, NICHT EIN SPIEL AUF ZEIT

Fokus Anti-Atom wehrt sich entschieden gegen das Vorgehen der BKW, welche mit einer minimalen Nachrüstung auf Zeit spielt:

Das AKW Mühleberg hat keine Reserven. Schon gar nicht sind die Nachrüstungen von der Laufzeit bis 2019 abhängig, die kommuniziert werden. Es geht nicht um Alterungsprozesse, bei denen man gewisse Margen ausreizen kann, sondern um eine grundsätzlich falsche Bauweise des AKW Mühleberg. Deshalb ist es falsch, zu glauben, es brauche für 5 Jahre weniger Nachrüstungen als für 10 Jahre und mehr.

  • Das AKW Mühleberg ist das einzige AKW der Welt, welches sämtliche Notkühlpumpen im Keller („Ebene -11m“) direkt unter dem ringförmigen Wasserreservoir (Torus, 27 m Durchmesser!) für die Notkühlung aufgestellt hat.
  • Alle AKW des Mühleberg-Typs verfügen über separierte, brand- und überflutungsgeschützte Räume „Corner Rooms“, in welche die Pumpen untergebracht sind. Eine schlechtere Position kann man sich nicht vorstellen. Nur Ökonomische Gründe haben eine andere Platzierung verhindert.
  • Nicht nur ein Leck im Torus, auch etliche weitere Szenarien von Lecks und Rohrbrüchen, sogar ein Leck im Brennelementbecken auf der obersten Etage des AKW Mühleberg können zu einer Überflutung führen.
  • Dass Wassermassen direkt von der obersten in die unterste Etage einer Atomanlage gelangen und diese letzte überfluten können, legt ein weiteres Zeugnis vom katastrophalen Zustand von Mühleberg ab.
  • Die Pumpen sind nicht auf dem Stand der Technik, sie sind nicht gegen Spritzwasser von Sprinkleranlagen etc. geschützt.
  • Das Pumpsystem, welches die Überflutung auf der Ebene -11m verhindern soll, ist viermal zu klein dimensioniert, und die Halterungen taugen nicht gegen Erdbeben. Auch hier hat man jahr(zehnte)elang gespart.

Die ursprünglich vorgesehenen, weit über 100 Millionen Franken teure Nachrüstungen hätten die Baustruktur an die Grenzen belastet und neue, komplizierte Bohrungen erfordert; das mag auch ein Grund sein, weshalb dieses Projekt aufgegeben wurde.

Dass das ENSI diese Zustände geduldet und in den Verfahrensschriften vor dem Bundesgericht sogar mit Nachdruck auf unsere Kritik hin verteidigt hat, spricht Bände. Erst als 2011 bei Berechnungen zu hohe Wahrscheinlichkeitszahlen für eine Kernschmelze mit früher massiver Verseuchung der Umwelt herauskamen, wurde das ENSI aufgeschreckt.

Die in der Realisierung befindlichen Nachrüstungen mit dem prognostizierten Laufzeitende zeigen, dass der BKW und dem Überwacher ENSI die Sicherheit egal ist.


 

logoVerfahren20 Jahre lang bemühte sich die BKW um eine unbefristete Bewilligung für ihr AKW Mühleberg. Am 17. Dezember 2009 wurde sie vom UVEK erteilt. Dank dem neuen Kernenergiegesetz vom März 2003 war es möglich, gegen den Entscheid Beschwerde einzureichen. Diese Chance nutzte der Verein Mühleberg Ver-fahren.